Unangemessene Vereinfachung – Gefahren im Umgang mit Komplexität.

Es ist eine Binsenweisheit: Die Menge an Informationen und auch deren Komplexität nehmen laufend zu. Seien es Marketing-Kampagnen, politische Diskussionen oder wissenschaftliche Forschungsergebnisse: Uns fehlt die Übersicht.

Das Patentrezept der letzten Jahre: Wir müssen Komplexität reduzieren.

Das ist wohl nachvollziehbar, aber trotzdem oft nicht zielführend. Denn komplexe Herausforderungen wie z.B. das hybride Kundenverhalten, die Umsetzung der neue Unternehmens-Strategie oder der Klimawandel lassen sich nun mal nicht in eine Vier-Felder-Matrix, einen 140-Zeichen-Tweet oder eine 20Minuten-News zwängen.

Traurige Konsequenz: Wichtige, relevante Informationen gehen unter in einem Meer aus Oberflächlichkeiten und Belanglosigkeiten.

Eine Entwicklung, die nicht nur bedauerlich, sondern auch besorgniserregend ist, wie folgende vier Gründe aufzeigen sollen. Diese entstammen dem schlauen Buch „Reframe it! “ von Hinnen und Hinnen (Murmann 2017).

1. Komplexität braucht Komplexität:

Wir benötigen innere (gedankliche) Komplexität, um es mit der äusseren Komplexität (Herausforderung) aufzunehmen. So wie eine Fussballmanschaft normalerweise gleich viele Spieler wie die Gegenmannschaft benötigt, um dieser ebenbürdig zu sein, so muss auch eine Unternehmens- oder Kommunikations-Strategie ihrer komplexen Umwelt gerecht werden.

Dasselbe gilt in der politischen Kommunikation: Populisten begegnen komplexen demografischen Umwälzungen mit allzu einfachen – aber leider auch gut kommunizierbaren – Lösungen: Hohe Arbeitslosigkeit? Lasst uns eine Mauer bauen!

2. Schein-Sicherheit

Wenn wir die Komplexität unserer Modelle, mit welchen wir die Wirklichkeit verstehen wollen, zu stark (oder falsch) vereinfachen, riskieren wir, uns einer Illusion von Sicherheit hinzugeben.

Ein gravierendes Beispiel liefert die Finanzkrise 2008. Unberechenbare Unsicherheiten und Abhängigkeiten wurden durch mathematische Modelle zu scheinbar berechenbarem Risiko. Der zugrunde liegende Trugschluss: Was noch nie geschehen ist, wird auch nicht geschehen.

3. Ignoranz zugrundeliegender komplexer Zusammenhänge

Oberflächliche Einfachheit verführt uns dazu, darunter liegende komplexe Zusammenhänge auszublenden. Das kann dazu führen, dass wir Herausforderungen unterschätzen.

Ein eindrückliches Beispiel liefert Apple. Ihre Produkte erwecken dank schlichtem Design und müheloser Bedienung den Eindruck von „Einfachheit“. Doch dieser vermeintlichen Einfachheit liegen sehr viele (komplexe) Analysen und unkonventionelle Gedankenarbeit zugrunde.

4. Schein-Klarheit

Es kommt nicht darauf an, ob ein Sachverhalt einfach, kompliziert oder komplex ist, sondern wie dieser Sachverhalt vermittelt wird. Ein guter Lehrer kann auch einem lernschwachen Schüler die französische Revolution erklären. Ein schlechter Lehrer kann auch einem hochbegabten Schüler die Lust an Geschichte nachhaltig vermiesen.

Die Lösung

Trotzdem besteht Handlungbedarf. Schwer verständliche Inhalte werden von uns Menschen eher negativ bewertet als einfache und leicht verständliche. Die Lösung: Komplizierte oder komplexe Sachverhalte nicht auf Teufel komm raus vereinfachen, sondern sorgfältig umgestalten, damit diese von der Zielgruppe leichter verstanden, besser akzeptiert und tiefer verankert werden.

Das erfreuliche Resultat: Botschaften werden für die Zielgruppe (wieder) relevant. Mitarbeitende wissen (wieder), wofür ihr Arbeitgeber steht. Und Kunden wissen (wieder), weshalb sie mal begeistert von einer Unternehmung waren.

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