Unternehmenszweck vs. Unternehmenssinn – Der Unterschied macht den Unterschied.

Leitbilder gibt es in jeder Unternehmung. Und die meisten sehen ähnlich aus. Und sind somit beliebig, austauschbar, unbrauchbar. Grund: Die eigentlich wichtige Frage „Warum ist diese Organisation (Firma) in der Welt?“ wird gar nicht beantwortet. Darauf eine schlüssige Antwort zu geben, muss das Ziel jeder (schriftlich festgehaltenen) Unternehmensphilosophie sein.

Viele Begriffe für dasselbe Phänomen

Dabei muss man leider feststellen: Der Begriff Philosophie wird im Zusammenhang mit Unternehmen beinahe inflationär verwendet. Man findet sie überall, auf Websiten, in Broschüren, auf hübschen Schildern in Sitzungszimmer und im schlimmsten Fall sogar auf der Toilette. Dabei wird anstatt dem Wort „Philosophie“ oft auch „unsere Werte“, „unser Selbstverständnis“ oder „unser Leitbild“ verwendet. Letzlich geht es aber immer um ein und dieselbe Frage: Was treibt unser Unternehmen an, wie sehen wir die Welt und wie wollen wir mit ihr umgehen?

Es geht also um den grundlegenden Kern, um die Essenz, um das Zentrale. Leider gelingt die Umsetzung dieses hohen Anspruchs mehr schlecht als recht.

Die falsche Frage

Was man auch oft beobachten muss: Nach monatelangen Workshops und Meetings und dem Beizug externer Spezialisten sind die Ergebnisse meist nicht berauschend und entsprechend gering ist das Interesse bei den Mitarbeitenden. Gekocht wird heiss, gegessen höchsten lauwarm. Wenn denn die Mitarbeitenden überhaupt zum essen erscheinen.

Weshalb ist das so? Weshalb sind die meisten Unternehmensphilosophien langweilig, austauschbar und deshalb unbrauchbar?

Eine erste These: Sie geben wohl eine Antwort, aber auf die falsche Frage. Sie bleiben oberflächlich, behandeln nur das selbstverständliche. Ein Beispiel:

Wir behandeln unsere Mitarbeitenden fair und kommunizieren transparent.

Ja klar, davon gehe ich als (mündiger) Mitarbeitender aus. Das ist das absolute Minimum. Will ich an einem Ort arbeiten, der in seiner grundlegenden Kernaussage nur Mindestanforderungen abhandelt?

Weiter: Ist diese Aussage inspirierend? Gibt sie Orientierung? Ist sie differenzierend? Die Antwort erspare ich uns.

Der kleinste gemeinsame Nenner

Einschub: Klar, solche Leitbilder werden in ihrer monatelangen Entwicklung in Vernehmlassungsrunden eingedampft und schöngeföhnt. Es muss ja für möglichst alle stimmen. Das kann ich grundsätzlich nachvollziehen.

Allerdings: Ein Wischiwaschi dieser Dimension kommt letztlich dem Tageshorsokop einer beliebigen Tageszeitung gleich: Jeder erkennt sich ein wenig, was aber zur Konzequenz hat, dass es überhaupt nicht differenzierend wirkt und die Unternehmung nicht von anderen unterscheidbar macht.

Gute Ansätze, um mit diesem Dillema umzugehen, fand ich letzthin im Buch „Der Sinn des Unternehmens. Wofür arbeiten wir eigentlich?“ von Dominic Veken aus dem Jahre 2015. Nachfolgend fasse ich einige zentrale Punkte zusammen:

Big Five der Firmenwerte

Gemäss Vecken bewegen sich sämtliche Unternehmensphilosophien um fünf zentrale Punkte:

  1. Qualität als oberstes Gebot: Alle müssen immer ihr bestes geben.
  2. Kundenorientierung als zentraler Wert: Alles dreht sich um den König Kunde.
  3. Innovation als Wachstumsfaktor: Mit Mut und Kreativität zu neuen Märkten.
  4. Passion als grosser Motivator: Alle müssen leidenschaftlich sein.
  5. Der Mensch im Mittelpunkt als ethischer Kern: Wir verstehend uns als Teil der Gesellschaft, geben was zurück, pflegen unsere Corporate Social Responsibility.

Diese „Big Five“ haben durchaus ihre Berechtigung, sie sind nicht falsch, allerdings sind wir wieder bei der Mindestanforderung: Sie regeln das grundsätzliche Miteinander, sind quasi das Grundrauschen. Aber sie sprechen keine tiefere Ebene an, bringen dem Mitarbeiter keinen Mehrwert und verfehlen deshalb die gewünschte Wirkung.

Wirkung auf der tieferen Ebene

Was es braucht, sind Aussagen, die den Mitarbeitenden eine kaum zu erschütternde Überzeugung vermittelt. „Just do it“ von Nike, „Flower-Power“ der Hippies oder auch „You gotta fight for your right to party“ von den Beastie Boys sind Beispiele für Aussagen, die diese tiefere Ebene mit maximaler Wirkung ansprechen und eine echte Leitfunktion übernehmen können.

Eine lebendige, bewusst entwickelte und gepflegte Unternehmensphilosophie kann hier einen wirklichen, unmittelbaren und vorallem nachhaltigen Mehrwert liefern, in dem sie Antworten gibt auf die Fragen nach dem tatsächlichen Sinn eines Unternehmens: Warum existiert diese Organisation überhaupt? Was macht das Unternehmen für einen Unterschied in der Welt? Um warum lohnt es sich für die Mitarbeitenden, sich dafür zu engagieren? Auf diese Fragen relevante, originelle und sehnsuchtserfüllende Antworten zu finden, ist genau das, was den Unterschied zwischen einer echten, guten Unternehmensphilosophie und den „Big Five“ ausmacht.

Eine Unternehmensphilosophie schafft nur dann Mehrwert, wenn sie die Frage nach dem Sinn des Unternehmens beantwortet.

Eine Unternehmensphilosophie ist somit ein starkes Commitment in guten wie in schlechten Zeiten. Sie fordert nicht einfach Leidenschaft, sie ist ihre Quelle.

Idealerweise kreiert man Sinnformeln, die den Existenzgrund mit der Organisation in Verbindung bringen, wie das beispielsweise BMW mit „Freude am Fahren“ und Apple mit „Think Different“ getan haben. Und erfolgreich tun.

Der Unterschied macht den Unterschied

Der zentrale Unterschied zwischen Unternehmens-Zweck und Unternehmens-Sinn beschreibt der Buchautor wie folgt:

Der Unternehmenszweck ist meistens derselbe und lautet wenig überraschend: Wir müssen Geld verdienen. Ausser Gier (bei falschen Anreizsystemen) und eindimensionaler Leistungsmotivation erzeugt er wenig Antriebskraft.

Der Unternehmenssinn hingegen umfasst den Unternehmenszweck sowie den Weg zum Ziel, und verpackt beides in eine Formulierung, die ein inneres Anliegen der Organisation beschreibt, das eine weit über das Ökonomische hinaus wirkende Veränderung der Welt anstrebt. Bei den Mitarbeitenden lässt das Mitwirken an der Umsetzung dieses inneren Anliegens ihre tägliche Arbeit als etwas Besonderes, das Leben Bereicherndes erscheinen.

Es gibt eine sehr schöne Anekdote aus dem Leben von Steve Jobs, die diesen Unterschied auf den Punkt bringt: Jobs versuchte den damaligen Pepsi-Manager John Sculley für seine noch junge Unternehmung Apple anzuwerben. Allerdings hatte Scully bei Pepsi mehr Geld, Macht, Mitarbeitende etc., als es Apple ihm hätte bieten können.

Trotzdem konnte Jobs ihn erfolgreich abwerben. Grund war nach Sculley’s eigener Schilderung eine einzige Frage, mit der der Apple-Gründer ihn überzeugte: „Willst Du weiter Limonade verkaufen oder willst Du die Welt verändern?“ Bingo!

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.